Die Animal Welfare Serie
Folge 3
Neues Antibiotikum gegen Antibiotikaresistenz entdeckt
Antimikrobielle Resistenz oder Antibiotikaresitenz beschreibt die Immunität von Bakterien gegen Antibiotika – die wichtigsten Medikamente gegen Infektionen, die entweder die Bakterien abtöten oder wachstumshemmend auf sie wirken. Die heute weit verbreiteten Resistenzen gegen Antibiotika entstanden durch die Übernutzung von Antibiotika in Mensch, Tier und Pflanzen und ist ein weltweites Problem für die öffentliche Gesundheit. Nach aktuellen Schätzungen der WHO war eine bakterielle antimikrobielle Resistenz weltweit im Jahr 2021 für etwa 4.71 Millionen Todesfälle mitverantwortlich.
Hoffnung aus den USA: gezielte Wirkung ohne Schaden im Darm
Ein Forschungsteam von der Universität von Illinois (USA) hat jetzt ein neues Antibiotikum namens Lolamycin entdeckt. Erfolgreich getestet wurde der vielversprechende, neue Wirkstoff gegen multiresistente Keime zuerst in Zellkulturen (In-vitro) und erst danach tierschonend an Mäusen. Das Besondere: Lolamycin tötet gefährliche Bakterien, aber lässt die gesunden Darmbakterien in Ruhe. Das ist eine Innovation gegenüber herkömmlichen Antibiotika, welche oft nicht nur schädliche, sondern auch die nützlichen Bakterien im Darm angreifen. Das kann das Gleichgewicht im Körper stören und langfristige Folgen für die Gesundheit haben.

Quelle: WHO & OneHealthTrust
Hohe Wirksamkeit attestiert
Lolamycin wirkt auf ein bestimmtes Transportsystem in Bakterien. Dieses System ist bei krankmachenden Bakterien anders aufgebaut als bei «guten» Bakterien im Darm. Dadurch kann das Medikament gezielt nur die schädlichen Bakterien angreifen. In den präklinischen Versuchen wurde Lolamycin Mäusen verabreicht. Diese hatten entweder eine Blutvergiftung (Sepsis) oder eine Lungenentzündung, beide ausgelöst durch antibiotika-resistente Bakterien. Den Versuch überlebten alle Mäuse mit einer Sepsis sowie 70% der Mäuse mit Lungenerkrankung, erstaunliche Resultate. Doch nicht nur das. Die Zusammensetzung der Darmflora, also die guten Bakterien im Verdauungstrakt, blieb bei der Behandlung fast unverändert. Auch 28 Tage nach der Therapie war bei den Tieren alles im Gleichgewicht.
Zuerst in Zellkulturen, erst dann in Mausmodellen
Erst nachdem Lolamycin an über 130 multiresistenten Bakterienstämmen in Zellkulturen getestet wurde, kam der Wirkstoff in Tiermodellen zur Anwendung. Zellkulturen sind ein Schritt in Richtung tierversuchsfreier Forschung. Solche In-vitro-Modelle ermöglichen es, wichtige Erkenntnisse über die Wirksamkeit und Toxizität neuer Wirkstoffe zu gewinnen, bevor sie in Tiermodellen getestet werden. Die Tests mit Mäusen waren ein nächster wichtiger Schritt, denn das Mikrobiom, also die Gemeinschaft der Bakterien im Darm, ist bei Mäusen sehr ähnlich zu dem der Menschen. Deshalb können Erkenntnisse aus Mausstudien wichtige Hinweise für spätere Studien mit Menschen geben.
Die Entdeckung von Lolamycin könnte ein realer Durchbruch im Kampf gegen antimikrobielle Resistenzen sein. Es zeigt, dass es möglich ist, gezielt gegen gefährliche Bakterien vorzugehen, ohne die nützlichen zu zerstören. Noch ist das Medikament jedoch nicht für den Menschen zugelassen. Dazu sind noch weitere Studien zur Sicherheit, Wirksamkeit und der möglichen Resistenzentwicklung notwendig. Doch die Ergebnisse machen Hoffnung: Vielleicht gibt es bald neue, besser verträgliche Antibiotika, die unsere Gesundheit effektiv schützen, auch in Zeiten zunehmender Resistenzen.

Weiterführende Informationen:
- New antibiotic kills pathogenic bacteria, spares healthy gut microbes. By Diana Yates. University of Illinois Urbana-Champaign. May 29, 2024
- Game-Changing Antibiotic Discovered That Spares ‚Good‘ Bacteria. By Carly Cassella Health, 09 June 2024.
Tierversuche sind in der biomedizinischen Forschung oft unerlässlich, um die Sicherheit und Wirksamkeit neuer Therapien zu beurteilen. Sie bieten Einblicke in die komplexen Wechselwirkungen innerhalb eines lebenden Organismus, die in Alternativmethoden allein nicht erfasst werden können. Die Forschung entwickelt zunehmend alternative Methoden wie Organoide, um den Einsatz von Tieren immer weiter zu reduzieren.